Die Idee zu diesem Blog ist aus Zufall entstanden. Mit Freunden saß man in einer rotweinseligen Runde und plötzlich waren kratzende Strickhosen, verhunzte Poesiealben, furchtbare Haarschnitte und die Ignoranz der Banknachbarin ein Thema. Die Frage stellte sich schnell: Was hat einem in der Kindheit am allermeisten den Nerv geraubt? Vor allem macht es natürlich Freude, sich selbst in den Erlebnissen der anderen wiederzufinden.

Genau deshalb kommt jetzt der Blog ins Spiel. Wo kann man sich besser austauschen, als im Web? Wer sich bemüßigt fühlt, zu einzelnen Lebensabschnitten und Themenbereichen dieses Blogs was beizutragen oder nur zu kommentieren, ist herzlich eingeladen....
Viel Spass beim Mitschreiben und Lesen wünscht Raymond Schön
Montag, 20. August 2007
Eltern und andere Fremdlinge
Mein Freund Ivo (Jhrg. 1969) verriet mir, dass er heute noch beim Anblick eines feuchten Waschlappens Phantomschmerzen im Mundwinkel und angrenzenden Gesichtsregionen bekommt. Nichts war so widerlich, als, noch den leckeren Geschmack des wässerigen Schokoeises im Mund, plötzlich der Mutter hysterische Befehle zu hören: "Komm mal her, wie siehst du denn jetzt schon wieder aus?" Fast so als hätte man nicht eine halbe Stunde brav um dieses Eis gebettelt und es dann gedankenverloren, aber zügig unter den Augen der Mutter in sich hineingeschleckt, sondern wäre soeben vom Schlammcatchen in den Sümpfen Floridas wiedergekehrt! Der Waschlappen wurde aus der Plastictüte gezerrt, man selbst am Haarschopf festgehalten, so gut und schmerzhaft es eben ging. Mit mütterlicher Vehemenz wurde versucht, die Haut bis auf die Leberflecke mittels dieses immer etwas muffelig riechenden Waschlappens blitzeblank zu scheuern. Nun, man will ja nichts böses unterstellen, aber Zärtlichkeit war da selten im Spiel.
Aber diese wiederkehrenden Begebenheiten bringen es doch auf den Punkt: Eine Kindheit ohne Eltern wäre sicherlich entbehrungsreicher, aber dafür wohl weniger peinlich und nervend gewesen. Die Sache mit den Klamotten und den Frisuren ist ja schon angesprochen. Viel nerviger erschien jedoch damals die elterliche Verfügungsgewalt über die eigene Zeit. Ich rede jetzt nicht von den lästigen Hausaufgaben, die Schreibgenies früh morgens in der Schule vor der ersten Stunde noch schnell ins Heft klecksen konnten. Ich meine zum Beispiel die dem Mundwinkelputzen nahverwandte Phobie, das Kind könnte sich einen Schmutzvirus einfangen, an Schmoddertuberkeln zugrunde gehen, von Streptokokken, Endokokken und saprophytären Corinebakterien aufgefressen werden. Bevorzugt im eigenen Kinderzimmer! Denn dort hauste, kaum drehte Mutter ihren Leib aus der Türfüllung, ein Gott namens CHAOS, dem das Kind ausgeliefert war. Dieser Gott lebte im Wäscheschrank, Spielzeugschrank, darauf, darunter, im Schulranzen, hinter dem Ofen, unter und auf dem Tisch und seine höllischen Diener hiessen DICKER STAUB oder ALTER KAUGUMMI oder inkarnierten als Luftwesen, die auf die Bezeichnung MAUKEN hörten und sich bei entsprechender Ignoranz zu fussballgroßen Nestern zusammenballen konnten. Der Altar jedoch, der Altar dieses Gottes CHAOS befand sich im zentralen Hort von allem Dunkel: unterm Bett! Dort ging es bisweilen sehr eng zu, da sich hier Teddyteile, Gummiindianer und verloren geglaubte Turnsachen den wenigen Platz teilen mußten. Hatte dies Konsequenzen? Gab sich meine Mutter geschlagen? Immer dann, wenn es gerade unten im Hof um Leben und Tod ging, die Nachbarplatzbande mit den Kartoffeln aus den Futtereimern unseres Hauses eine epische Schlacht anzettelte, erschallte ein Ruf über die Hinterhöfe, die jeden Colonel Custer der Wäscheplätze, jeden Ulzana des Fliedergestrüpps das Mark in den Knochen gefrieren ließ: "Raaaaaaaaaaaaaaaaaaymoooooooooooond!" Nun, irgendwann gefror nur noch MEIN siegessicheres Lächeln, denn nicht zu überhören galt dieser Aufruf mir. Kaum noch, dass ich dafür mitleidiges Lächeln meiner Spielkameradinnen und - freunde erntete. Eher gab es Ärger über die Schwächung unserer Phalanx. Mußte Muttern denn gerade jetzt, in diesem wichtigen Moment durch einen blöden Zufall in mein Zimmer geraten und weiß der Teufel warum, unter das Bett klotzen? Ja, sie mußte! Und das nicht zufällig, sondern das hatte System. So kam es mir jedenfalls vor. Dieses System bestand darin, zu warten, bis ich mich auf den Hof gestohlen habe um dann triumphierend aus dem Fenster des dritten Stockes zu lehnen und mir vor allen Leuten dieses vorwurfsvolle "Kommst Du mal hoch. Aber ein bischen plötzlich!" um die Ohren zu schlagen. Ja, das war wie eine Ohrfeige. Immer und immer wieder. Ich meine, ich hätte vielleicht das blöde Zimmer auch mal aufräumen können, bevor ich das Weite suchte. Aber daran hinderte mich ja jemand. Mein Gott! Der von unterm Bett.

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Dienstag, 14. August 2007
Zopfgemustert
Grundursache manch übler Kleiderposse war, so bestätigen mir das gleichfalls viele Leidensgenossinnen und - genossen, der Sparsamkeitswahn der Eltern gepaart mit zumeist mütterlicher Überqualifikation in Sachen Textilverarbeitung. Was in deren frühen Hauswirtschaftsunterricht mit zarten Taschentuchumhäkelungen begann, endete spätens beim ersten eigenen Kind in zügelloser Strickorgie. Es gab, anderen Stimmen zufolge, auch eine ganze Reihe von selbstlosen Müttern, die die Rohrleitungspläne ihrer Heimatstadt, genannt: Schnittmusterbögen in Stoffkreationen umsetzten und damit ihre unschuldigen Kinder in der Schule rundlaufen ließen.
Ich gehörte zwar nicht zu diesen, aber zu jenen, die halbjährlich (also auch sommers), mit einem neuen Strickmodell aus dem Hause "Mutti macht's selber" beschenkt wurden. Als kleineres Balg konnte man sich den kratzigen Plunder nur durch Schreien und verstärkten Ausschlag vom Leibe halten. Erst als Halbwüchsiger wurde ich, vor die Alternative kratzige Wolle oder wenigstens tragbar in halbwegs akzeptabler Farbe, gestellt, mit in die Auswahl des Fadens einbezogen. Viel änderte das nicht am ungeliebten Textil. So hatte ich mir doch einmal für den obligatorischen Weihnachtspollunder die absolute Modefarbe violett in Richtung blaßlila-fliederfarben ausgewählt und mußte dann, als ich das Teil als letztes von der Geschenketafel schob, feststellen, dass bis auf die Farbe so ziemlich alles scheußlich aussah, was an einem selbstgestrickten Pullover scheußlich aussehen kann. So preiste mir meine Mutter mit freudigem Gesicht als besonderes Highlight ihrer Handwerkskunst den bei ihr so beliebten V-Ausschnitt an. Dieser sollte Einblicke auf das schöne, dazu passende Wolpryla-Hemd gestatten. Danke Mutti! Flankiert wurde der gewagte Ausschnitt von zwei absolut dicken Zopfmustern, die sich wie Säulen nunmehr an mir herunterschlängelten. Ich war am Durchdrehen. Mein Hals und meine schlaksigen Arme verknoteten sich bereits und begannen sich als Zopf ineinander zu verschlingen. Mein Gesicht lief lila-fliederfarben an. Wie sollte ich so unter Menschen gehen, die nicht glauben sollen, ich hätte mich schon sehr früh zum gleichen Geschlecht bekannt?
Eine andere Tatsache in der weihnachtlichen Erziehungsarbeit, die ich nie vergessen werde, ließ mich in den Augen meiner männlichen Klassenkameraden ähnlich "anders" ausschauen. Fraßen sich andere Kinder an den Adventsabenden die Bäuche mit Lebkuchen rund, so saß ich im trauten Heime mit meiner Mama und umhäkelte mit feinstem Garn Taschentücher! Irgendwie war ich selbst schuld an dieser Misere, hatte ich mich doch einschmeichlerisch zunächst sehr für die technische Realisierung dieser Umbordung interessiert. Nach den ersten geglückten Versuchen und vielen produzierten Putzlappen verlor ich jedoch die Freude daran. Nicht so jedoch meine Mutter, die die seltenen Momente genoss, in denen ich, mit ihren Augen gesehen, etwas sinnvolles anstellte. Am Ende konnte ich mich von dieser verpflichtung befreien, nie jedoch von den zahllosen Wollschals, Wollmützen und Wollpullovern.
Mit 17 Jahren, kurz vor dem Ausbruch aus der mütterlichen Behausung, wollte ich zum ersten Mal freiwillig eines dieser wollenen Überzieher. Der Grund: die späten Siebziger brachten auch für uns den Blues, die junge Gemeinde war der schickste Jugendtreff und wer mit der Rezitation des ersten Kapitels aus dem kleinen Prinzen Eindruck schinden wollte, mußte auch "peacermäßig" gekleidet sein. Und das bedeutete neben den langen Loden eben auch Strickpullover - allerdings möglichst zwei Größen zu groß. Das war zwar mit meiner Mutter nicht zu machen, aber es gab da eine sensationell einfache Methode: das gerade noch enganliegende Schmuckstück wurde durch die Badewanne mit kalten Wasser gezogen, heftigst ausgewrungen bis es leise knackte, dann zog man es sich auf den baldigst fröstelnden Leib. In Hockhaltung auf dem Fußboden sitzend steckte man nun seine Knie noch mit in den Pullover und drückte wiederum das Gewebe auseinander und zog den Rand bis zu den Füßen. War man so erfolgreich und konnte trotz Expresserkältung wieder aufstehen, wurde man mit einem Strickkleid belohnt, was wenigsten bis zu den Knien reichte - allemal eine 100%ige Verlängerung.
Für die dazu gehörigen Ketten musste ich das weitgehend ungenutzte Reservoir meiner Mutter plündern. Die immense Anzahl an superkleinen bunten Perlen für die immens langen Würgeketten war einfach nicht anders zu aquirieren. Das schreckliche und peinliche Erlebnis folgt so denn auf dem Fuß. Mich in vollem Ornat (Wollpullover, Würgekette viermal gewickelt, Jeans, Jesuslatschen, fettiges Haar) im Bus nach dem entschwundenen Fahrschein bückend, bemerkte ich nicht, wie sich die Kette unter meiner rechten großen Zehe festhakte. Ruckartig aufgestanden vernahm ich nur noch ein Prasseln, welches mir die in Sekunden vergebene Mühe tagelangen Auffädelns signalisierte. Hätte ich doch nur nicht den Bindfaden für die sonntäglichen Rouladen dafür ausgesucht, sondern Angelsehne, wie Hardy! Vielleicht hätte es ja auch ein Wollfaden gebracht?

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Montag, 13. August 2007
Helmfriseure
Heute geht es weiter mit meiner Mutation zum blonden Prinz Eisenherz, wo ich doch lieber Tarzan gewesen wäre. Wer hatte schuld? Natürlich der Friseur!
Irgendwann, ich denke so mit 10 oder 11 Jahren, schaute man etwas bewußter in den Spiegel. Und man erkannte sich nicht. Oder man sah plötzlich auf dem alljährlichen Klassenfoto keinen Prinzen/ keine Prinzessin mehr, sondern ein haltungsgeschädigtes Wesen vor geblümten Klassenzimmerhintergrund, welches anstatt Haare auf dem Kopf einen helmartigen Topf trug - je nachdem rattenblond oder semmelknödelaschfahl, was auf den Schwarz-Weiss-Bildern keinen Unterschied machte.
Was die ambitionierten Eltern bzw. die lustlosen 1.50 Mark Kinderverunstalter der PGH Marcel einen als praktische Schüttelfrisur schmackhaft machen wollten, war einfach nur ein Akt der Stigmatisierung: Seht her, das ist ein Kind - willen- und stimmlos, ich kann es wie meinen Pudel herumlaufen lassen und seine Haare wie die Fusseln nach Art des Wohnzimmerteppiches trimmen! Nicht allein der Topfschnitt war die Zumutung, widerlich der ganze Gang zum Friseur, der, wie bereits erwähnt, in den seltensten Fällen dieses nervige Kind als professionelle Herausforderung an eine weltbewegende Kreativität im Umgang mit Menschenfell ansah. Es war lästig, irgendwo zwischen Kaltwelle für Frau Mannschatz und Messerformschnitt für Herrn Kruse auf einen dieser viel zu großen Monstersessel gefesselt zu sein. Dafür gab es erst einen stinkenden Plastikumhang, der mit einem kratzigen Klebeband an den Hals geschweißt wurde, so daß selbst eine Kopfbewegung schmerzlos nicht mehr möglich war. Immer mußte man warten. Als Kind mußte man immer mindestens eine Viertelstunde, wenn nicht gar eine Ewigkeit in dieser Lage verharren und es juckten einem schon dabei die imaginierten Haare am Nasenflügel. Nach dieser Begrüßungsquälerei begann das eigentliche Verstümmeln.

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So ungefähr in vollem Ornat: Helmfrisur, Strickpullover

Die Frage "Wie immer?" wurde in den sprühlackverseuchten Salonhimmel gemurmelt, Mutter nickte rituell, das Urteil war gefällt. "Wie immer" bedeutete nun nicht etwa der elegante Herrenschnitt, hinten fein mit dem alten, aber scharfen Rasiermesser sensibel abgestuft, vorn nach Art der individuellen Verwirbelung in die Stirn geschmeichelt. Nein. Es bedeutete maximal fünf Minuten mit genau einer Schere, einer Handhaltung und einer friseurtechnischen Grundeinstellung das Minimalprogramm abzuspulen. Der Kamm wurde nur dazu benutzt, die Haare nach unten zu kämmen, was bei meinem Spagetthihaar besonders einfach zu bewerkstelligen war. Den Rest der Kreation übernahm die Schere wie von selbst, als wenn allen Friseuren, Friseusen und deren Werkzeugen ein einheitliches Programm innegewohnt hätte bis zu einem bestimmten Alter ihres Klientels in etwa 30 mal Schnipp-Schnapp und ab! zu machen - in der geradesten Linienführung, die es nur noch in den Parteistatuten gegeben hat. Ende vom Lied ohne Happy End - ich sah aus, wie ich immer aussah, bevor ich mich wehren konnte - Prinz Eisenherz mit dem Topfschnitt - Haare, von denen einzelne Strähnen auf jeden Fall nach dem Aufstehen bis zur sechsten Schulstunde nicht mehr an den Kopf zu kleben waren, Haare, die mir die letzte Individualität raubten, da etwa 40% meiner Klassenkameraden und -kameradinnen gleichfalls den Welteinheitsschnitt für Präpubertierende tragen mußten. OK, damit war man also nicht allein, aber glücklicher deswegen auch nicht. Kaum einer sah in den 1970er Jahren bis 10- 11 haartechnisch so aus (Tarzan, Sandokan, Rinaldo Rinaldini, Björge...) wie man es sich vorstellte - vielleicht ja der Jochen, dessen Mutter Alkoholikerin war. Mochte man da tauschen? Manchmal hätte ich gern Muttern ordentlich mit Eierlikör abgefüllt...

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Sonntag, 12. August 2007
Klamottenkrieg II - Dreckschleuder
"Schinns" tragen zu können, war nun aber nur ein Teilsieg. (Diese Kriegsmetapher gefällt mir eigentlich nicht, aber wie soll ich's anders ausdrücken?) Zwar hatte ich jetzt ein solches Teil, aber das hieß ja nun beileibe nicht, dass ich es jeden Tag anziehen durfte. Irgendwann lag das Ding in der Wäsche und es musste solange gewartet werden, bis die kritische Masse an 60-Grad-schwere-Leinen-und-Baumwollewäsche für die wirtschaftliche Befüllung der Waschmaschinentrommel erreicht war. Das dauerte mir entschieden zu lange - vor allem weil ich erst eine besaß und ich in der Zwischenzeit wieder die schrecklichsten Schlaghosen aus Sandpapier anziehen musste.
Mich damit in die Waschmaschine zu legen und aus dem Blau ein blue zu kreieren traute ich mich nur einmal: "Was für ein Unsinn machsn du hier? Dann läufs du wohl mit der nassen Hose rum unn holsdir den Rest! Zieh sofort die Dinger aus! Mein Freundchen!". Nicht sehr freundschaftlich, wie ich fand.
Was tun? Im Wäschehaufen - aus dem Sinn! dachte ich mir und entführte das gut dreckige Teil in den Kohlenkeller, zu dem ich wegen meinem Fahhrad auch einen Schlüssel besaß. Früh hieß es dann, immer einige Minuten eher und ja nicht mit meiner Mutter gemeinsam aus der Wohnungstür hinaus zu gehen. Flugs die Kellertür aufgesperrt, die Hose aus dem eigentlich für die Kartoffeln gedachten Verschlag gezerrt und gegen die Present-20-Kinderkombinationshose ausgetauscht. (Hierbei lernte ich unseren Nachbarn Kruse etwas näher kennen - Mitte 50 und bereits früh morgens und öfters noch abends in seinem Reich - dem Kellerloch von 3.ol zu finden. Warum nur? Seine Leidenschaft galt, wie ich bald herausbekam, weniger dem Handwerk als dem Wilthener - 45% und magenfreundlich.)
Nun ja. Am Anfang musste ich auch hierbei dazulernen. Wenn ich wegen meines spätkindlichen Entdeckerdranges schon damals nach 14.00 Uhr nicht als unbedingter Saubermann durchging (zum Leidwesen meiner Mutter natürlich) so galt das ab dem Projekt "Kellerassel" bereits ab 7.40 Uhr in der Früh. Die nicht ohne Grund bereits in der Wäsche gelegene Hose, veredelt durch die Reste der Kohlenbrocken und den Geruch schlecht gelagerter Äpfel und Farbreste, war ganz dem Spirit des Erfinders dieser amerikanischen Arbeitshose verpflichtet. Nur leider nicht den Erwartungshaltungen meiner Lehrer. Nicht dass es sie je gekümmert hätte, wie ordentlich ich angezogen gehe - nein, dass ich roch wie ein Skunk in Notlage, behost mit einer zu großen, schwarzen Jeans mit dunkelblauen Flecken kam ihnen verdächtig vor, kannten sie meine Mutter doch als sorgsames Wesen! Diese einbestellt in die Klasse (sie arbeitete in der gleichen Schule;) konnte es kaum fassen: "Aber Ray, hast du dir noch so'n Ding gekauft? Und in schwarz, habe ich nicht gesagt, in schwarz gibt es die nicht!" Womit sie nicht unrecht hatte, schwarze Jeans gab es damals wirklich noch nicht. Egal... Die Masche mit dem Keller habe ich trotzdem nie verraten und musste ich halt ein wenig verbessern. Ich besorgte mir aus dem Keller des Nachbarn eine der nicht in unserem Haushalt vorrätigen Westtüten (TENGELMANN - blaue Tüte mit einem längs geteilten großen T in gelb/orange) und verstaute die "Dreckjeans" vor der großen Wäsche darin und im Regal mit dem Eingeweckten. Eigenartiger Weise funktionierte die Masche mit der dreckigen Wäsche ziemlich lange. Ich sah am Ende wahrscheinlich nicht wirklich besser aus, aber lange vor dem Punk in der Zone hatte ich ein eigenes Profil. Ich möchte den Elter sehen, der behauptet, bei ihm hätte das nicht passieren können!

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Freitag, 10. August 2007
Klamottenkrieg ohne Ende
Sag mir, was du anziehen musstest und ich sag dir, wieviel Freunde du hattest... Unerträglich war mir (Jg. 66 - Ostdeutschland) jahrelang das Fehlen jegliches Schuldgefühles seitens meiner Mutter, die mich exakt bis zu meinem 14. Lebensjahr zwang, die unmöglichsten Osthosen und Wolpryla-Hemden im Papageienlook überzustreifen - meistens wenn ich die Antworten meiner Liebesbriefe in der Schule erwartete. Da saß ich dann rum, unsichtbar hoffentlich für alle, weil versteckt in den dunklen Ecken der Schule, in kratzigen schwarzen Hosen, die mit dicken großen braunen Knöpfen zugemacht werden mußten. Niemand fand mich. Das Hemd herauszuhängen wagte ich mich nicht, da dessen schreiende Farbkombination lila-rot-blau-lila in Tateinheit mit dem schillernden Plasticstoff mich noch mehr in den Fokus der Meinungsführer in Sachen Mode in meiner Klasse gestellt hätten. Irgendwann ist aber jede Pause zu Ende: das helle Klassenzimmer hatte mich wieder. Aber - ich war zumeist nicht allein in dieser Monsterschau. Neben mir saß zuweilen ein unbescholtener Freund, der, unglücklicherweise aus christlichem Haus stammend, gleichfalls mit sittsam unmodernstem Stoff behangen wurde. Seine Hosen waren selbst 1978 immer noch fein säuberlich gebügelt, was ihn immer einige Mühe kostete, dies bis zur zweiten Stunde vergessen zu machen. Doch am nächsten Tag, welch Wunder mütterlicher Beharrlichkeit, war sie wieder da - die schneidige Bruchkante im Polyester-Baumwoll-Gemisch.
Wie kläglich sahen wir doch gegenüber den beneideten Klassenkameraden aus, die im Quartalsrhythmus ein Päckchen abgelegter Supermarktmode aus dem Westen Deutschlands bekamen. Das härteste: die Jeans waren nicht nur schön ausgewaschen, sondern auch mit herrlichen Gebrauchsspuren versehen, wie sie heute bereits in der Herstellung von flinken chinesischen Arbeiterinnen imitiert werden. Davon konnte ich nur träumen. Als in der Zone so eine Art Jeans aufkamen, bedeutete das für manche Mütter (eigentlich rede ich von meiner) ein Verrat an der Sache: des Sozialismus, des guten Geschmacks, der Sittsamkeit - was auch immer - ich bekam so ein Ding nicht! Das peinlichste, und davon konnte ich meine liebe Mutter bis heute nicht heilen, ist, dass sie nicht etwa wie jeder mit amerikanischen Slang aufgewachsene Halbwüchsige einfach Jeans pronouncierte, sondern in eigentümlich sächsischer Verballhornung gepaart mit Unfähigkeit fremdländige Konsonanten auszusprechen, beständig von "Schinns" sprach. Das bedeute, dass a) um zur Vermeidung weiterer Peinlichkeiten ich in Gegenwart von Freunden mit meiner Mutter nicht darüber diskutieren konnte und b) dass, wenn ich jemanden meine Verzweiflung demonstrieren wollte, ich meine Mutter nur zum Aussprechen dieses Unwortes verleiten mußte. Mein Gott, was wurde ich bedauert! Aber es änderte sich erst spät etwas. Zu diesem Kapitel des Kleiderkrieges (gekämpft wurde mit ungleichen Waffen - Macht gegen Ungehorsam, Taschengeldkürzung gegen Haut Coture) kam noch das absolut oberpeinliche Theater des Klamottenkaufes hinzu. Was man als Kleinkind bis zehn Jahre gerade so toleriert hat, nämlich das Muttern die Sachen in den Läden auswählte und einen zwang, vor allen Leuten die garantiert unmodischsten und lächerlichsten Verkleidungen anzuprobieren, wurde als adoleszierender so ziemlich zum Gang aufs Schafott. "Wir müssen mal wieder Sachen kaufen gehen" hieß es dann und eigentlich meinte sie dann 'in einer halben Stunde gehen wir los, putz nochmal die Schuhe!'.
Mit 14 Jahren hatte ich sie dann doch soweit - es mußte eine Jeans gekauft werden im Sondergeschäft, welches sich "Jumo-Exquisit" nannte. Das stand einerseits für "Jugendmode" und für exquisit überhöhte Preise, beides auf jeden Fall nicht für Qualität. Dort aber gab es nicht nur die Mitte der 1970er Jahre auftauchenden BOXER- und WISENTjeans, sondern auch jene irgendwie aus westlicher Produktion (Vietnam?) stammenden TEX-Jeans. Das eigentlich Überraschende daran war, dass diese entgegen aller sozialistischen Ästhtikdogmen auswaschbar waren. Oh oh! Was meine Mutter aber nicht wusste. Und ich auch nicht. Sagte ich zumindest. Aber ich habe sie schon bei Matscher gesehen und der hat damit in der Badewanne einen Tag rumgebracht und man konnte das gute Teil nicht mehr von einer LEVIS unterscheiden. Naja, von weitem jedenfalls nicht. Meine Mutter, deren linkes Ohr von meinem Generve bereits zerkaut erschien, wollte mir nun ein solches Gerät, welches ich vorsorglich in Erwartung pubertärer Wachstumsschübe eine Nummer zu groß auswählte, kaufen. Natürlich erging über die etwa 55jährige Jugendmodeverkäuferin die alles entscheidende Frage: "Wäscht sich denn diese Schinns auch nich aus!?" Oh Gott, mein Blue Denim, da lag er und von meinen dürren Pennälerwaden trennte ihn nur noch sechs Zehner Ostmark aus der kunstledernen Tasche meiner geliebten Mutter. "Nee", antwortete die Verkäuferin, "da hätten die schon einige widder zurückgebracht! So was gibbs bei uns nich!". Die gute Frau! Ich hätte ihren hellblauen Lockwellenhelm glatt küssen können! So errang ich dank der hervorragenden Selbstüberschätzung einer ostdeutschen Einzelhandelssklavin und ihrer miserablen Kenntnis der Taktiken des Klassenfeindes den ersten Sieg im Klamottenkrieg. Der nächste Tag war wohl der glücklichste in meinem Leben bis dahin. Ich trug sie mit hochrotem Gesicht durch das Schulhaus - meine erste Geliebte, einige Nummern zu groß für mich, aber alleine mir gehörend, ich gleicher unter gleichen. Endlich!

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